Warum nachhaltiges Reisen Selbstbetrug ist

Ich stecke in einem Dilemma: Im Alltag mache ich gerne Dinge fürs Klima. Ich esse kein Fleisch, kaufe Secondhand-Kleidung und fahre Rad oder mit den Öffentlichen. Mich aber für die Umwelt auf ein nahes Urlaubsland beschränken oder sogar zu Hause bleiben? Mhmmm, lieber nicht. Meine Reiselust ist laut einem Fußabdrucktest im Internet auch der Grund dafür, dass mein ökologischer Fußabdruck mit 15,28 Tonnen CO2 deutlich höher ist als der deutsche Durchschnitt, der bei einem Verbrauch (korrekterweise: „Ausstoss“, meine Anmerkung) von 12,36 Tonnen CO2 im Jahr liegt.

Die „grünen“ Unterkünfte gaben mir das Gefühl, besser als die Massentouristen zu sein. Doch war ich das?

Viele Deutsche sind sich ihrer Verantwortung laut der Reiseanalyse aber bewusst und möchten nun zumindest umweltfreundlicher reisen. So auch ich, als ich dieses Jahr nach Costa Rica flog. Der Plan war, mein schlechtes Gewissen aufgrund der sechs Tonnen CO2, die ich allein durch die Anreise verursachen würde, mit meinem Verhalten vor Ort zu beruhigen: klimafreundliche Unterkünfte anstatt All Inclusive, Leitungswasser aus Edelstahlflaschen trinken anstatt Plastikflaschen im Supermarkt kaufen, in einheimischen Restaurants essen und Ausflüge mit lokalen Guides buchen. Umweltfreundliches Reisen, „sanftes Reisen“ oder auch „Ökotourismus“ bedeuten, dass Reisende versuchen, der Natur so wenig Schaden wie möglich zuzufügen. Sie sollen den Naturschutz mitfinanzieren und sich der Kultur des Landes anpassen. Doch ist das realistisch?

Wie, bitte, kompensiert man 6 Tonnen CO2 indem man auf Plastikflaschen verzichtet? Dazu muss man ca. 160 Jahre auf Plastikflaschen verzichten.

(..) Als ich auf dem Rückflug mein Veggie-Menü, das in vier kleine Plastikschalen verpackt war, aß, konnte ich nicht mehr denken: „Hey, wenigstens esse ich kein Fleisch, auch wenn ich gerade erneut sechs Tonnen CO2 in die Welt katapultiere.“ Ich kam mir heuchlerisch vor, das schlechte Gewissen war stärker als je zuvor und mein nachhaltiges Abenteuer gescheitert. Wenn ich das nächste Mal also nicht in vorab gut recherchierten Unterkünfte wohne, bereit bin mehr Geld auszugeben und meinen Flug kompensiere, sollte ich wohl doch lieber Zuhause bleiben. Denn vielleicht geht es nicht mehr darum, ferne Länder auf anderen Kontinenten zu entdecken, sondern sie am Leben zu erhalten.