Urlaub ist Opium fürs Volk

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Die Leute fliegen jetzt wieder los, um sich mit Geparden und relevanten Bauwerken fotografieren zu lassen. Oder wenigstens vor einem Gewässer, in das ein Lastwagen mit Schlumpfeis gefahren sein muss. Die Koffer, die sie dafür durch die Terminals ziehen, haben die Größe einer Blockhütte. Ihre Gesichter sind angespannt wie auf dem Weg zum Urologen. Um vieruhrdreißig ging der Wecker.

Jeden von ihnen möchte ich schütteln. Mich vor jeden Rollkoffer werfen. Und ich möchte ihnen sagen: „Lass das mit dem Urlaub. Es bringt doch nichts.“ Aber niemand ließe sich aufhalten. Sommer. Ferien.

STATUSSYMBOL. Was für die letzte Generation das Auto war, ist für die aktuelle Generation der Facebook-geteilte Flug ins Yoga-Camp auf Bali (natürlich in der fairen Ecolodge, man ist ja umwelt- und klassenbewusst). Klar, wir verzichten gerne aufs eigene Auto, wir sind ja dafür EasyJet-Stammkunden.

Nichts aber entstellt einen Menschen mehr als Ambitionen an falscher Stelle, als das Verlangen, in Myanmar eine Manufaktur zu besuchen, in der aus Maulbeerbäumen Papier hergestellt wird. Individualtourismus, verkörpert durch die Gestalt des Backpackers, erhebt sich über den banalen Erholungsurlaub an überlaufenen Gewässern. Der Individualist hat 17 Semester Bedenkenträgerschaft studiert und pflegt die bequemste Art des Reisens. Urlaub und Kritik am Urlaub in einem. Reise und Meta-Reise. Bloß nicht für einen Touristen gehalten werden. Dass er aber dem Touri-Normalo gar nicht so überlegen ist, wie er glaubt, zeigt schon seine noch miesere Umweltbilanz. Bei keiner Tätigkeit pustet der Tourist so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre wie beim Fliegen, und der moderne Marco Polo fliegt am weitesten. Individualtourismus beruht auf dem Irrtum, dass er dem Massentourismus überlegen ist. Dabei ist er bloß auf eine andere Art schlimmer.

Authentizität ist bloß das coolere Wort für Armut. Blasse weiße Jungs aus dem Westen, der seine Natur für den wirtschaftlichen Aufschwung zerstört hat, verlangen nun vom Süden, dass er seine Natur bewahrt.

Denn eigentlich tut er es nur der Distinktion wegen. Urlaub ist ein Wettbewerb, der auf Instagram und Facebook ausgetragen wird.

Deshalb treiben die Individualterroristen die Individualität auf die Spitze. Sie arbeiten zwei Wochen ehrenamtlich in einer Hunde-Auffangstation in Thailand. Andere suchen verzweifelt nach einer Möglichkeit, auf eigene Faust nach Nordkorea zu reisen. Über Damaskus schreiben sie, es sei noch immer toll da, aber die Checkpoints und bewaffneten Soldaten lenkten etwas von den Bauwerken ab. Und kann ich mir in Somalia Höhlenmalereien ansehen, ohne erschossen zu werden?